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4. Texte

20
Jan
2009

...

Es liegt im Dickicht der Wolken versteckt
Wohin der Mond nie schauet
Im Grab des Tages
Der Zeit entrinnt
In tiefer Bäume Schauer
Vor leichtem Niesel
Dem Krippenspiele
das den Alten schon viel zu lange dauert
Von Ankunft bis Ende
Ein Gleis läuft im Schnee
Die Küste hinunter
Ins Meer hinab
Wo Neptun dem Ankömmling lauert.

12
Jan
2009

Schlaflied

Ich bin der blasse Mondenkranz
Der dir den Weg mit Feuer leuchtet
Hinaus aus Tod und Ende
Hinein in Pest und Untergang

Hier stahl ich tausend Kinderseelen
Mit kaltem noch milchfeuchtem Mund
Sang sie in den Schlaf hernieder
Wiegte sie aus falschem Grund

Und harre deiner
Warte jeden
Der sich an Bord nicht halten kann
Diesen letzten Tag herunter
Diese letzte finstre Stund

11
Jan
2009

Unterwegs (evtl. für Jack Kerouac)

Es ist ein Warten um dessentwillen
Die Motten mir nicht neidisch sind
Dem Mond zu fern um kalt zu sein
Der Sonne ganz entrückt
Im Zwiegespräch mit einem Mantel vereint
Geht es weiter durch die Nacht
Und gemeinsam mit denen
Die mir nahe sind
Wird ein Leben umgebracht.

10
Okt
2006

Prag 1883

Die Träume starben als die Käferhorden das Kopfende erreichten
und das Leben starrte mir mit den Augen Kafkas
Aus jedem Rorschachtest entgegen.
Ich fiel also aus dem toten Baum der Erkenntnis
Auf die erschlagenen Leiber der Ahnen,
Die versuchten mich zu
Fressen
Sobald ich Aufschlug
und
Erschlug was ich fand,
Als mich ein junger Greis aus dem Spiegel anstierte
Und erkaltete während ich in seinem Schweiß ertrank.
Und nichts war geblieben
Zu fürchten
Zu ängstigen
Nur Schlaf
Und Kafka
Immer wieder Kafka

8
Sep
2006

Still born

Ich habe der Welt eine Leiche geboren
Gekostet, verachtet und ausgespieen
Mich selbst auf einen Thron erhoben
Im Glauben geschwelgt
Und doch verloren
Dem Kopf ist nicht nur das Haar geschoren
Und nicht nur der Augen Glanz ist vergoren
Der Mensch ist des Kindbetts Tod gestorben,
Auferstanden
Und war nie geboren.

6
Feb
2006

Mein Kind

Mein Kind,
Bist irr’ geworden,
Wie traurig ’s ist.
Schließ nun fest die Augen,
Gedenk jemand, der dein’ Geist vermisst.
Gedenk der schwarzen Wogen, die Schlagen zusammen über dir.
Lass die Augen geschlossen, fester denn irgendjemand hier.

15
Jan
2006

Meine Tage

Gestern die Nacht verschlungen
eingelagert im Wohlbefinden
den Tag verbracht
den Leib verbraucht
das Gebein als Andenken behalten
archiviert im Leben
ohne zu wissen warum
ohne darüber nachzudenken
nichts wissen zu wollen
nichts wissen wollen
Augen zu
Schlaf
Erwachen
wieder


Präventive Ordensverleihung an mich selbst, für den Fall, dass bisher niemand den Ernst der Lage, sowie das tatsächliche Ausmaß meiner Verdienste an der Menschheit erkannt hat:

Orden

Licht

Endlich Sonnenlicht
der Tag, der Hoffnung schenkt.
Das Licht des Guten.
Warmes Leuchten,
das Leben spendet,
durch Geäst flutet
und auch das Herz berührt.
Ein tiefes Gefühl von Liebe und Geborgenheit.
Zuflucht.
Bleib.
Geh nicht.
Und wenn, dann kehre wieder!
Zeig mir die Welt,
wie sie wirklich ist!
Sein sollte.

2
Jan
2006

Ziege

Eine tote Ziege quält sich aus ihrem Stall,
einzig in ihren Vorderbeinen ist noch Leben verblieben.
An dieses sich klammernd,
und nur daran,
kriechen die Beine heraus ins neblige Morgengrauen.
Dem Wald entgegen.
Den zerschundenen Leib
über die vom Tau benetzte Wiese schleppend.
Nichts als Ballast.
Ein alter Hund kommt vorbei,
frisst sich satt am hervorquellenden Gedärm des Geschöpfs,
hält inne,
verschwindet.
Über dieses friedliche Szenario
schickt die Frühlingssonne ihre ersten Strahlen.
Die Krähen lassen ihr schönes Lied erklingen,
der neuen Zeit zu Ehren.
Herrliche, erwartungsgeile Chöre aasfressender Insekten
schallen dem Wesen entgegen.
Und alles wendet sich zum Guten.

24
Dez
2005

Geier

Die Geier sitzen auf dem Baum
Furchterregend anzuschaun
Warten alle auf den Tod
Nicht den eignen, Andrer Not
Knurrend, zischend
Jammernd, wissend,
Dass wenn jemand kreucht vorbei,
Und erst ist’s ihm einerlei,
Wird sich wundern, wenn er dann,
Weil er nicht mehr weiter kann,
Der Geier Hunger Opfer wird,
Von vielen Schnäbeln rasch verzehrt.
Von den Klauen klein gerissen
Wider besseres Gewissen,
Dass ihn jemand könnt’ vermissen.
Den Geiern ist es eh egal
Andres Wesen, andre Qual.
Leiden soll, wer leiden kann
Leid, nur Leid für jedermann.
Sitzen da und gaffen stumm,
Hoffen bald kommt jemand um,
Was Zerstreuung ihnen brächte,
Sie ersehnten viele Nächte.
Sind so traurige Gestalten,
Nur Vergangnes sie erhalten,
Nichts könnt wahre Freud bereiten
Nichts zum Glücke sie geleiten.
Brennt dann noch die Sonne nieder
Wird’s auch heiß unterm Gefieder,
Kocht das Hirn im kahlen Kopf
Und so leer ist schon der Kropf,
Kann es niemand mehr erwarten
Sich an totem Fleisch zu laben.
Gieren nach des Nächsten Leichnam
Mordlustig, dabei doch wachsam,
Könnt ums eigene Leben gehen,
Der Tod schon um die Ecke stehen.
Keiner weiß sich jetzt noch Rat
Schreitet einer nun zur Tat,
Hackt dem Bruder ins Genick
Packt am Hals ihn mit Geschick,
Wird dann selbst herumgerissen,
Wer es war wird er nie wissen,
Stürzen alle auf und nieder,
Schmerz durchfährt der Meisten Glieder,
Gottverdammte, blöde Geier!
Haut euch doch alle tot!
Mir doch egal!
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Michael Struck

"Kindertotenlieder"

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